l e i c h t s i n n - oder wenn der Zufall zur bildlogischen Absicht wird

Die jüngsten Arbeiten von Christina Gschwantner scheinen auf dem ersten Blick leichtsinnig. Sie suggerieren durch ihre Sujets Sorglosigkeit,
übermut, Lebenslust, ja Ausgelassenheit - kurzum sie wären ohne Anstrengung von den Künstlerin erträumt und realisiert worden.
Wenn sich Federn in Reih und Glied anordnen, Glückskäfer, Federtiere und rosa Schweinchen Spalier stehen, dann wirken sie überaus geordnet,
wenn auch nicht streng komponiert, bunt und lustig zum Anschauen.

Die stark stilisierten, einfachen Formen entwickeln sich alle aus der Kugel, die Leinwände leben von den unterschiedlichen Qualitäten eines dünnen
oder dicken Farbauftrags wie auch der differenzierten und feinen Farbwahl. Dass diese Lebewesen - ob Pflanzen oder Tiere - Ergebnisse eines langen
Malprozesses sind, offenbart sich nur dem intensiv Schauenden. Durch Dazugeben und Wegnehmen machen die Sujets einen
Verwandlungsprozess durch, der Zufall führt dabei massgeblich Regie und die Künstlerin gibt sich ihrer visuellen Kompetenz vollständig hin.
Mit jedem Bild begibt sie sich daher auf eine abenteuerliche Reise, das Ende ist genauso unberechenbar wie scheinbar unbekümmert.
Kurzum Gschwantners Konzept ist kein Konzept zu haben, oder besser: den schöpferischen Zufall als Quelle künstlerischer Inspiration und Imagination
zu nutzen. So liefert sie sich in ihren Bildern dem Unabsichtlichen aus, das zwar immer zufällig ist, aber von dem man weiß, daß nicht alles Zufällige
unabsichtlich. Die Metamorphosen der Sujets ergeben die Dichte der Malerei, ihre Vieldeutigkeit problematisiert die Erfahrung von Kontingenz und
täuschender Evidenz, von der Unvorhersehbarkeit des Lebens und der nur scheinbaren Eindeutigkeit der uns umgebenden Natur.
Christina Gschwantners poetische GegenWelt lädt ein zum Entdecken, zum Nachspüren der Verdichtungen, zum Erforschen des leichtsinnig
zugelassenen Zufalls.


(Alexandra Matzner zur Ausstellung leicht.sinn, Mai 2009)

Homo Ludens: Das Prinzip des Spielerischen im Bild
Skizze zum Werk Christina Gschwantners

von Elisabeth Voggender


"Und er, der Mensch ist nur ganz wenn er spielt" (Friedrich Schiller)

Seltsame Wesen, sonderbare Gestalten und pittoreske Figuren beleben Christina Gschwantners Leinwände. Buntfarbig und popig, kraftvoll und vital
besiedeln sie Bildräume, beanspruchen sie ihre Umgebung gänzlich für sich oder versammeln sich in Gruppen zu Reih und Glied. Diese wundersamen
Geschöpfe entspringen dem Realen wie auch der Fiktion, sie erscheinen uns vertraut aber dennoch fremd. So tauchen Mäusekö niginnen und Chamäleons auf,
so lässt Christina Gschwantner aus einem Sessel eine Tiergestalt entstehen, so wä chst aus einer Kreisform ein Käfer und daraus ein Vogel,
so bildet ein Farbklecks Anlass für die Gestaltung eines Rüsseltiers; Ist das ein Elefant, oder? Nein, es ist eine Giraffe...

Die Motivwelt Christina Gschwantners eröffnet Zwischenräume, indem sie vielfältige Blickwechsel vollzieht und Festlegung wie Definition verweigert.
Ihr Werk situiert sich im Spannungsfeld von Phantasie und Humor. Obwohl damit mitunter der Anschein des Naiven entstehen kann,
liegt eben darin ihre spezifische Ernsthaftigkeit. Ihr stringentes künstlerisches Verfahren beruht auf dem Prozess der Transformation der Form,
der Verwandlung des Sichtbaren, auf dem Vorgang der Interpretation und dem Versuch ständiger Variation. Mit diesen Momenten erhebt Christina Gschwantner
zur Maxim, was lange nahezu verpönt erschien: Das Prinzip des Spielerischen.
Homo ludens, der spielerische Mensch, steht seit Friedrich Schillers "Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen" für die Erfahrung des Aesthetischen
und Basis des Kreativen und bildet nach den Diskursen der Sechzigerjahre im Zusammenhang mit den Situationisten, in den Neunzigerjahren im Kontext
virtueller Game-tools wieder ein innovatives Modell. Das Spielerische bedeutet also weit mehr als eine bildnerische Strategie, es ist eine
Möglichkeit Position gegenüber der Welt zu beziehen, die auf neugierigem Staunen und dem lustvollen Versuch beruht.
Das Procedere des Schöpferischen steht daher stets in enger Verbindung mit den Lebensfahrungen per se.
"Don`t teach drawing, teach life", hatte Serge Poliakoff propagiert, den Christina Gschwantner gerne zitiert. Vor diesem Hintergrund erschliesst sich
Christina Gschwantners Eigenart Bilder immer wieder zu überarbeiten, auch bereits fertiggestellte Werke neuerlich umzugestalten. Anreiz dazu geben
gesehene Formen und deren Neuinterpretation, die Kommunikation zwischen den Farbebenen und die Erprobung neuer Bezüge. Das Bild wird als lebendiger
Organismus begriffen. Ebenso ergibt sich die Grenzüberschreitung als integralen Bestandteil des Werkverständnisses.
So kommt es immer wieder zu einer Wechselwirkung unter den Medien. Es sind die Linie, der Strich und die Kontur, ebenso wie die Farbe,
die Form und die Struktur, die ihre malerischen Arbeiten auf Leinwand tragen. Raum und Fläche, Rhythmus und Statik werden in wechselnden Möglichkeiten
avisiert und bilden die Folie für die zeichenhafte Motivik. Signalhaft und illustrativ verbindet sich im Werk Christina Gschwantners Grafisches und
Malerisches zu gekonnten Erzählungen voll spannungsreicher Ironie und heiterer überraschung.